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Gemeinsam gegen Sucht - "Suchtprävention" am MKG Wegberg

Wir sind nicht nur in der Schule, um den Konjunkturverlauf der Wirtschaft zu verstehen oder zu berechnen, wie schnell sich ein Elektron bewegt, sondern auch um auf andere Dinge im Leben vorbereitet zu werden. Zu diesen Dingen, die im Laufe der Schullaufbahn am MKG Wegberg in besonderem Rahmen thematisiert werden, gehört auch die Suchtprävention. Hier wird den Jugendlichen von Experten erklärt und analysiert, wie Süchte entstehen, wie man ihnen vorbeugen kann und welche Konsequenzen sie auf das Leben des Betroffenen haben können.

Für alle neunten Klassen des Gymnasiums fanden die Suchtpräventionstage im vergangenen September und Oktober statt und waren in drei Teile unterteilt: die Informationsstunden über die Entstehung einer Sucht und über die rechtliche Lage, den Alkohol-Parcours und am Ende ein Besuch von Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker.

Markus Wilmer vom Gesundheitsamt informiert beruflich hauptsächlich Schülerinnen und Schüler über Suchtvorbeugung. Nach einem Einstiegsspiel, in dem es darum ging, einen Ball immer in der gleichen Reihenfolge hin- und herzuwerfen, begann er seine Stunde mit der Frage nach der Definition einer Sucht. Die Mädchen und Jungen nannten Begriffe wie "Regelmäßigkeit", "Abhängigkeit" oder "Entzugserscheinungen". Auch diese wurden wieder einzeln mit ausführlichen Beschreibungen definiert, wodurch allen ermöglicht wurde, das Prinzip einer Sucht erst einmal besser zu verstehen.

Spielerisch mussten die Schülerinnen und Schüler den Verlauf einer Sucht analysieren, indem sie Begriffe wie "positive Einstellung" oder "Missbrauch" in die richtige Reihenfolge bringen mussten. Hier gab es auch Unstimmigkeiten, was zeigt, dass Süchte eben auch deswegen entstehen, weil es manchmal schwierig sein kann, sie als solche zu erkennen. Ein weiteres zentrales Thema war der Gruppenzwang, und die Jugendlichen kamen zu dem Schluss, dass man "manchmal eben auch seine Freunde hinterfragen muss".

Währenddessen klärte Jürgen Heitzer von der Polizei die gesetzliche Seite auf. Im Mittelpunkt stand ein Fragebogen mit verschiedenen Fragen über Drogenkonsum. All die verschiedenen Situationen wurden humorvoll, aber auch ausführlich diskutiert. Auch die Rolle der Schule wurde zum Thema, Jürgen Heitzer sagte dazu: "Lehrer müssen euch vielleicht nicht vom Essen von Schokolade abhalten, allerdings vom Konsum von Cannabis." Das leuchtete allen ein.

Für seine Unterrichtseinheit ist es Jürgen Heitzer wichtig, den Schülerinnen und Schülern das Risiko und die rechtlichen Folgen von Drogenkonsum bewusst zu machen, gerade dann, wenn sie strafmündig werden. Er findet, dass das Thema sehr ernst genommen werden muss.

In einem zweiten Teil des Projektes durchliefen die Schüler und Schülerinnen einen in vier Stationen aufgeteilten Alkohol-Parcours. Dazu sollten sie sich in vier Gruppen aufteilen. Jede Gruppe bekam einen "Laufzettel", auf dem sie zunächst ihren Gruppennamen notieren sollte. Passend zum Thema suchten sie sich Namen, wie "Anonyme Alkoholiker" oder "Selbsthilfegruppe" aus.

Die erste Station wurde von Herrn Muckel, einem ehemaligen Referendar unserer Schule, geleitet. Hier durften die Schüler nach dem Prinzip einer Quizshow wie z.B. "Der große Preis" ihr Wissen über den Alkohol in den Kategorien "Brainfood", "Allgemein", "Facts & Fiction", "Fehlersuche", "Dienstagsmaler" und "Action" testen. Dabei diskutierten die Teilnehmer sehr angeregt über die Frage, ob man einen sogenannten Kater mildern kann, indem man während dem Alkoholkonsum viel Wasser trinkt, oder ob Alkohol durch Bewegung schneller abgebaut würde. So stellten sie auf humorvolle Art und Weise fest, dass es sehr viel Halbwissen über den Alkoholkonsum gibt und dass genannte Tricks natürlich nicht funktionieren. Besonders viel Spaß bereitete den Schülern die pantomimische oder zeichnerische Darstellung von Situationen, die man mit Alkohol erleben könnte.

Bei einer weiteren Station konnten die Schüler einen aufgebauten Parcours mit einer Alkoholbrille, die die eingeschränkte Sicht unter Alkoholeinfluss simulierte, und mit Gewichten an den Armen, die das Schweregefühl simulieren sollten, durchlaufen. Diese Station wurde von Herrn Heitzer geleitet. Dafür musste man einen Slalom zwischen aufgestellten Hütchen gehen, über einen in der Luft hängenden Besenstiel steigen, von einer Linie aus Bälle in einen Eimer werfen, Kleingeld zählen und den sogenannten "Tapser-Test" bestehen, bei dem man über eine Reihe von roten, auf dem Boden liegenden Punkten gehen muss. Letzterer wird übrigens auch in der Realität oft von der Polizei als ein erster Test auf Alkohol verwendet. Dann folgt in der Regel der Test durch einen Arzt, bei dem der Patient gedreht wird und danach die Anzahl der Bewegungen seiner Augen gemessen wird.

Was nüchtern kein Problem ist, stellte sich mit der Brille als ganz schöne Herausforderung heraus. Nicht nur einmal wurden Hütchen niedergetrampelt, über den Besen gestolpert oder neben statt auf den "Tapsern" gelaufen. Ziemlich komisch fanden wir, dass ein Teilnehmer vor dem Besenstiel stehen blieb und fragte: "Über welchen der Besenstiele soll ich steigen?" (Es gab nur einen!).

Von dort wurden die Schüler weiter geschickt zu Markus Willmer, der die Schüler mit der Frage konfrontierte, was sie denken, wie ihre Eltern reagieren würden, wenn sie angetrunken oder betrunken nach Hause kämen. Dazu hatte er verschiedene Stellwände aufgestellt, die verschiedene Reaktionen von Eltern darstellten.

Zuletzt erklärte Ute Linges vom Jugendamt anschaulich anhand eines Modells, wie Alkohol im Körper wirkt und abgebaut wird. Dazu ließ sie die Schüler verschiedene alkoholische Getränke benennen und Promille-Werten zuordnen. Anschließend besprach sie mit ihnen die gesetzliche Lage, ab wann sie legal Alkohol trinken dürfen und was dabei zu beachten ist. Dann zeigte sie den Schülern durch das Modell, dass 85% des Alkohols zuerst über den Darm aufgenommen werden, was bedeutet, dass man den Alkohol, den man zu sich nimmt, nicht sofort im Gehirn merkt, sondern erst nach etwa 20 bis 30 Minuten auf nüchternem Magen, mit Essen im Magen dauere die Aufnahme des Alkohols noch länger, das Essen selbst nehme aber wenig von dem Alkohol auf, so dass der weit verbreitete Mythos, man solle vor dem Alkoholkonsum etwas essen, als nicht wahr aufgedeckt wurde.

Nun fragte Frau Linges die Schüler, wie viele "Pinnchen" man wohl in diesen 20-30 Minuten trinken könne, bis der Alkohol des ersten überhaupt im Gehirn ankommt. Man konnte sehen, dass einige echt nachdenklich wurden und der abschließende Tipp von Frau Linges an die Jugendlichen, beim Alkoholkonsum sich und seinem Körper Zeit zu lassen, ist, denken wir, ein wertvoller Tipp für die Zukunft.

Der letzte Teil der Suchtprävention war in unseren Augen der eindrucksvollste, und auch wir können uns noch genau daran erinnern, als wir es selbst vor zwei Jahren als Neuntklässlerinnen erlebt haben: der Vortrag eines Mitglieds der Anonymen Alkoholiker.

Er stellte sich uns als Jens vor, als alle sich im Klassenraum eingefunden hatten. Das Auffälligste an Jens war seine Sonnenbrille, die er im Gebäude trug. Er klärte auf: "Ich trage die nicht aus Modebewusstsein, ich sehe aber nur noch 2-5% auf meinen Augen". Uns alle sah er also auch nicht klar, vor allem nicht in die Schülerinnen und Schüler in den hinteren Reihen.

Er begann damit, uns zu erklären, was die Anonymen Alkoholiker überhaupt sind. Es ist eine Vereinigung, die 1935 in den USA gegründet worden ist; seitdem gibt es sie in 220 Ländern. Jeder kann zu den Treffen kommen, wenn sie oder er die Absicht hat, mit dem Trinken aufzuhören. "Manch einer schafft das aber nie, den haben wir auch schon beerdigt."

Jens berichtete, dass er sich überall auf der Welt bei den Treffen zuhause fühlt. Bei den Anonymen Alkoholikern hört man zu und einem wird zugehört. Man muss aber gar nicht reden, nur die Frage: "Möchtest du mit dem Trinken aufhören?" mit "Ja" beantworten.

Nun begann Jens seine Geschichte zu erzählen, es war still im Raum. "Es hat acht Jahre gedauert, bis das Saufen mein komplettes Leben zerstört hat. Ich hatte Angst vor mir selbst". Alles hatte angefangen, als Jens als Junge bei einem Fußballspiel eine Flasche Korn getrunken hatte. Von dann an wurde Alkohol zur Priorität. "Ich war bereit, alles dafür zu tun," sagte er über sich selbst. Sein familiärer Hintergrund spielte auch eine große Rolle in dem Verlauf von Jens´ Alkoholsucht. Sein Vater, ein Bauarbeiter, war durchgehend betrunken und verprügelte nach der Arbeit regelmäßig seine Söhne und seine Frau. Jens wusste: "Wenn ich morgens zur Schule gehe, werde ich abends verprügelt." Als uns der trockene Alkoholiker anschaulich erzählte, wie er und seine Brüder sich in einer Reihe vor dem Vater aufstellen mussten und auf ihre Schläge warteten oder sie ihre Mutter verstecken mussten, wurde es noch stiller in der Klasse.

Der Alkohol war eine Erleichterung für ihn damals und das Trinken wurde immer mehr zur Gewohnheit, bis es einfach dazugehörte. Nach der Schule ging er zur Bundeswehr, und hier brachte ihn seine Alkoholsucht in Schwierigkeiten. Nach einigen Malen in der Ausnüchterungszelle war er seine Stelle los, er hatte alles verloren. Ihm war das "scheißegal". Er brach in Häuser ein, raubte sie aus, tat alles für den Alkohol. Für ihn gab es nichts Anderes mehr außer der Droge. Alles spitzte sich zu, bis er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Darauf folgte eine 16-wöchige Entzugstherapie und er merkte, dass er "mit 20 immer noch 12 war". Er hatte sich nicht weiterentwickelt, kein (soziales) Umfeld aufgebaut.

Aber von dort an ging alles bergauf: Langsam konnte er sich eine Familie aufbauen, wurde erfolgreich in seinem neuen Job; er hatte ein "wunderbares Leben." Ganz ohne Alkohol. Doch dann folgte ein neuer Rückschlag: Eine Krankheit hatte seine Augen zerstört, was ihn daran hinderte, weiter in seinem Job zu arbeiten. Er stand also wieder an einem schwierigen Punkt in seinem Leben, aber dieses Mal wusste er, dass Alkohol nicht die Lösung sein würde. Bald folgt jedoch wieder ein Tiefpunkt: Ein Schlaganfall zerstörte sein Kurzzeitgedächtnis. An uns alle würde er sich am nächsten Tag also auch nicht mehr erinnern. Schlimmer jedoch: Auch Blindenschrift konnte er nicht mehr lesen. Das führte zu einer frühen Rente.

Das Lehrreiche an seinem Vortrag war nicht nur die Erkenntnis, dass man sehr vorsichtig mit Alkohol umgehen sollte, sondern auch, dass man mit seinem Leben zufrieden sein sollte. "Ich genieße mein Leben," sagte er zum Schluss. Trotz furchtbarer Vergangenheit, einer Familie, zu der er sehr wenig Kontakt hat, niedriger Sehstärke und beschädigtem Kurzgedächtnis macht er mittlerweile das Beste aus seinem Leben mit einer eigenen Familie, mit Sport und mit lehrreichen Vorträgen an Schulen - ganz ohne Alkohol. "Denn Alkohol ist keine Lösung."

Von Sophie Kuchenbecker
und Elisabeth Brenner (Jgst. Q1)