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[ Berichte > Berichte für das Jahr 2025 > Bericht vom 26.12.2025 ]

"Theater gegen rechts" am MKG Wegberg

Am Montag, dem 08.12.2025, fand das "Theater gegen rechts" an unserer Schule statt. In der zweiten Langstunde begaben sich die achten Klassen in die Holzräume, um sich das Stück "ÜBERdasLEBEN oder meine Geburtstage mit dem Führer" von Beate Albrecht anzusehen. Auch Schüler*innen der Realschule und Bürgermeister Christian Pape waren anwesend.

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Beate Albrecht selbst begrüßte das Publikum, bevor sie das Stück zusammen mit einer kleinen Besetzung aufführte. Dabei lobte sie auch das Engagement unseres Landkreises, da bereits viele andere Schulen in unserer Umgebung sich für eine Aufführung des Theaterstücks für ihre Schüler*innen eingesetzt hätten. Und das mit gutem Grund. Die vielen Schulaufführungen zeigten, wie wichtig das Thema des Schauspiels sei. Mit dieser Überleitung erklärte Beate Albrecht, worum es in dem Theaterstück geht.

Es behandelt die Zeit des Nationalsozialismus und überspannt die Jahre 1932 bis 1945. Die Ereignisse von damals sollen sich nie wiederholen. Dafür ist es wichtig, Geschichten über diese Zeit zu erzählen. Ein berühmtes Zitat des Philosophen George Santayana, das am Eingang des Blocks 4 in Auschwitz angebracht ist, lautet: "Wer die Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt, sie neu zu durchleben."

Beate Albrecht forschte dazu in ihrem Bekanntenkreis nach. Sie befragte ihre Eltern und Verwandte, doch unter ihnen war niemand, der sich gegen das damalige Regime aufgelehnt hatte. Widerstand zu zeigen war sehr gefährlich. Auch wer gegen die Nazis war, tat oft aus Angst nichts gegen das Unrecht, sagte sie. Dann jedoch fand sie die Geschichte einer Gruppe von jugendlichen Widerständler*innen und befragte die Zeitzeugen. Daraus entstand das Theaterstück, das mit Schauspiel und Live-Musik aufgeführt wurde.

Zu Beginn des Stückes tritt Anni auf, ein junges Mädchen. Sie fängt an, die Geschichte ihrer Urgroßmutter zu erzählen, die ebenfalls "Anni" hieß und in der Zeit des Nationalsozialismus lebte. Die Erzählung geht fließend über in eine schauspielerische Darstellung der Geschehnisse. Diese beginnen mit Annis achtem Geburtstag am 20.04.1932. Sie ist ein glückliches Kind. Sie feiert mit ihren Eltern und mit ihrem Nachbarn, Herrn Liebmann. Sie tanzen fröhlich und sind unbeschwert. Zumindest Anni. Sie kommentiert die Szene gegenüber dem Publikum mit den Worten: "Noch war mein Geburtstag wichtiger."

In der nächsten Szene befinden wir uns im Jahre 1933, in dem Jahr der Machtübernahme Adolf Hitlers. Es ist der neunte Geburtstag von Anni. Zu sehen sind sie und ihr bester Freund Hansi. Er schenkt ihr ein Bild des "Führers" und erklärt, dass er auch Geburtstag habe. Anni möchte ihm daraufhin per Brief zum Geburtstag gratulieren. Sie freut sich, zusammen mit dem Reichskanzler Geburtstag zu haben. Bei einem Gespräch mit ihrer Mutter, ob sie mal zusammen feiern könnten, sagt die Mutter: "Ich würd‘ den gar nicht in die Wohnung lassen." Das war die erste negative Äußerung über Adolf Hitler gegenüber Anni. Nach der Feier diskutieren die Eltern über die politische Lage. Annis Vater versucht seine Frau zu beschwichtigen. "Mit dem braunen Spuk werden wir schon fertig."

Genau ein Jahr später ist Annis zehnter Geburtstag. Adolf Hitler ist seit etwas über einem Jahr an der Macht. Anni fleht ihre Mutter an, sie zur Hitlerjugend gehen zu lassen. Ihr bester Freund Hansi sei da auch Mitglied. Die Mutter verbietet es zuerst, schließlich aber erlaubt sie Anni, sich ein eigenes Bild zu machen. Also meldet Anni sich bei den "Jungmädeln", einem Bund für zehn- bis vierzehnjährige Mädchen in der Hitlerjugend, an. Hansi selbst ist begeistert von der Hitlerjugend. Er kann es nicht erwarten, Soldat zu werden. Er und Anni streiten sich zum ersten Mal über politische Themen. Ihre jeweiligen Väter seien jeweils in der "falschen Partei".

An Annis elftem Geburtstag, dem 20.04.1935, nimmt die Verdrängung der Juden aus dem alltäglichen Leben ihren Lauf. Ihr Nachbar, Herr Liebmann, darf nicht mehr an ihrer Schule unterrichten, da er ein Jude ist. Die Indoktrination von Kindern in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen ist nicht zu übersehen. Denn als alle Schüler*innen Herrn Liebmann beschimpfen und "Jude!" rufen, macht Anni mit. Als sie es ihrer Mutter beichtet, schämt sie sich dafür. Sie muss sich bei ihrem Nachbarn entschuldigen.

In diesem Jahr kommt auch niemand von Annis Freunden zu ihrem Geburtstag. Stattdessen wollen sie zu den öffentlichen Feierlichkeiten für den "Führer". Anni ist nicht mehr glücklich, Mitglied bei den "Jungmädeln" zu sein. Sie möchte austreten.

Als wäre das alles nicht genug, wird Annis Vater auch noch bei einer Versammlung zusammengeschlagen. Einer der Schläger ist Hansis Vater. Später am Tag wird Annis Vater zu Hause abgeholt und zu einem Gefangenen in einem Arbeitslager gemacht. Das Haus wird durchwühlt.

Die Nazis verfolgten anfangs, in den frühen dreißiger Jahren, hauptsächlich politische Gegner des Regimes. Dazu gehörte auch Annis Vater. Nach und nach erst wurden auch Menschen inhaftiert, die dem nationalsozialistischen Bild der Volksgemeinschaft nicht entsprachen.

Anni richtet sich zum ersten Mal wieder in einem Brief an Hitler. Sie beschwert sich über die Ereignisse und darüber, dass Hitler das alles verursacht. Doch sie schickt ihn nicht ab. Sie hat Angst.

Zu Annis zwölftem Geburtstag im Jahr 1936 ist ihr Vater immer noch nicht zurückgekehrt. Auch wenn ihre Mutter versucht, sie zu beschwichtigen, kann sie sich selbst und Anni nichts vormachen. Die Sorge um ihren Ehemann ist groß. Herr Liebmann macht von den zweien ein Foto, das sie an ihrem Vater schicken. Er selbst darf wegen der Kontrollen nicht darauf zu sehen sein.

Mittlerweile wurden die Nürnberger Gesetze verabschiedet. Juden wurden offiziell zu Menschen minderen Rechts degradiert. Die Diskriminierung und Vernichtung von Juden wurde damit auch vorbereitet.

Im Stück erklärt Anni: "Hitler und seine braune Bande haben sich breitgemacht und mit ihnen die Angst." In der Schule ist Anni die Einzige, die nicht den Arm zum Hitlergruß erhebt.

Zu ihrem dreizehnten Geburtstag ist Annis Vater wieder zu Hause. Er erzählt davon, wie er in dem Konzentrationslager nichts als eine Nummer war und wie er durch den Gedanken an seine Familie bei Verstand blieb. Anni erlebt noch an demselben Tag eine Diskussion zwischen ihren Eltern mit, die den politischen Widerstand betrifft. Ihre Mutter hatte sich offensichtlich durch das heimliche Verteilen von Zeitungen der Partei des Vaters in der Bevölkerung in Gefahr begeben. Anni überredet ihre Eltern, dass sie das Verteilen der Zeitungen übernehmen darf. Sie will wissen, wie sie selbst aktiv gegen Adolf Hitler und sein Regime vorgehen kann.

Ein Jahr später, einen Tag vor Annis Geburtstag, trifft sie wieder auf Hansi, von dem sie sich entfremdet hat. Es kommt zu einer Auseinandersetzung. Während sie die letzte Zeit damit verbracht hat, sich mit anderen Widerständlern zu organisieren, hat sich Hansi immer mehr in die Nazi-Bewegung reingesteigert. Er ist eifersüchtig auf ihre Beziehung mit Georg, einem der Widerständler. Er erpresst sie, doch Anni weigert sich, ihn zu küssen. Noch in der gleichen Nacht zerstört die GeStaPo, die geheime Staatspolizei, ihr Haus. Annis Vater wird zum zweiten Mal abgeführt. Wie sich später herausstellt ist die Trennung vom Vater diesmal dauerhaft.

Denn an Annis fünfzehntem Geburtstag, am 20.04.1939, erreicht sie und ihre Mutter ein offizieller Brief, dass er auf der Flucht erschossen wurde. "Ich bin an dem Tag fünfzehn und mit einem Schlag erwachsen geworden."

Einige Monate zuvor hatten die Novemberpogrome stattgefunden. Organisierte Schlägertrupps zerstörten jüdische Geschäfte, Gotteshäuser und andere Einrichtungen. Tausende Jüdinnen und Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Die Pogrome waren quasi der Start zum größten Völkermord in der Geschichte.

In den folgenden Jahren, in denen der zweite Weltkrieg in vollem Gange war, engagiert sich Anni immer mehr in der Widerstandsbewegung. Sie und Georg drucken und verteilen Flugblätter, die gegen das Regime der Nationalsozialisten aufhetzen. Irgendwann wird Anni für verschiedene Straftaten, wie das Abhören von Feindsendern verhaftet. Obwohl ihre Mutter zugibt, Annis Straftaten getan zu haben, und sich dadurch für sie opfert, wird Anni weiterhin festgehalten und schlussendlich in ein Konzentrationslager gebracht als "Verräter der Nation".

Bei der Befreiung durch die Alliierten in den Jahren 1944/ 1945 ist Anni noch am Leben. Die mittlerweile junge Erwachsene erklärt, dass im KZ die Gedanken an ihre Familie halfen, auch wenn sie nicht mehr lebten: "Ohne Mama, Papa und den Herrn Liebmann hätte ich das nicht geschafft." Auch wenn die Nazis einem alles raubten, konnte einem die Gedanken niemand wegnehmen.

Ganz zum Schluss trifft Anni noch einmal auf Hansi. Er hat ebenfalls überlebt. Bei der Konfrontation bittet er Anni um Verzeihung. "Das haben doch alle gemacht."

Mit diesen bitteren Worten und einer abschließenden Szene von Anni, die die Geschichte ihrer Urgroßmutter zusammenfasst, war das Theaterstück mit großem Applaus beendet. Nach einer kurzen Pause folgte eine Nachbesprechung, um Fragen zu dem Stück zu beantworten und weiter über das Thema aufzuklären.

So hatte die Live-Musik, die an vielen Stellen in das Schauspiel integriert wurde, auch eine tiefere Bedeutung, wie in der Besprechung erklärt wurde. Es wurden unterschiedliche Instrumente für die unterschiedlichen Stimmungen in Annis Leben über die Jahre verwendet. Die Instrumente hatten also eine gewisse Symbolik. Mit Sopran- und Basssaxophon wirkten die Szenen entweder unbeschwert und lustig oder eher melancholisch.

"ÜBERdasLEBEN" ist auf jeden Fall ein sehr beeindruckendes und wichtiges Theaterstück. Das zeigt sich auch an dem positiven Stimmungsbild unter den Schüler*innen. Besonders gelobt wurde dabei die Authentizität der historischen Szenen und die schauspielerische Leistung von Beate Albrecht und ihren Theaterkolleg*innen.

Die Geschichte von Anni, ihren Eltern, Herrn Liebmann und Hansi ist tragisch. Zeugnisse über die damaligen schrecklichen Geschehnisse wie in Form dieses Theaterstücks sind ungemein wichtig. Denn daran sieht man, wie einfach es war und ist, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Genauso wie die von Anni und Hansi gingen Freundschaften und Beziehungen durch den Nationalsozialismus zu Bruch. Oft ging dabei mehr als nur eine zwischenmenschliche Beziehung verloren. Es ging um Leben und Tod.

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Den Nationalsozialisten fiel es viel zu leicht, ein Feindbild in der Bevölkerung zu verbreiten. Das lag auch daran, dass die von ihnen vertretene Rassenideologie schon lange vor der NS-Zeit existierte. Die Ideologie basierte auf jahrhundertelanger Diskriminierung und Vorurteilen. Genau diese Diskriminierungen und Vorurteile schlummern heutzutage immer noch in der Gesellschaft. Und das ist gefährlich.

Gerade in den letzten Jahren gab es einen verstärkten Rechtsextremismus. Es ist wichtig, dass nicht darüber geschwiegen wird. Damals hatten die Menschen, wenn sie nicht gerade Befürworter*innen des Nationalsozialismus waren, zu viel Angst vor den Konsequenzen, sich gegen die Herrschaft aufzulehnen. Das Schweigen muss also gebrochen werden, bevor es überhaupt erst zu einer Wiederholung von damals kommen kann. Und bevor ehemalige Täter wie Hansi sich dahinter verstecken, dass es "alle gemacht haben".

Von Mareike Brenner (Jgst. Q1)