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[ Berichte > Berichte für das Jahr 2012 > Bericht vom 24.05.2012 ]

Dunkle Seiten der Stadtgeschichte

Die Nazi-Zeit wurde in Wegberg zu wenig aufgearbeitet - dieses kritische Fazit ziehen Schüler des Kolbe-Gymnasiums, die eine eindruckende Darstellung über das Nazi-Regime in der Stadt erarbeitet haben. Sie forschten dafür auch im Landes- und Bundesarchiv.

Sie veröffentlichen das Buch über die NS-Zeit in Wegberg: (v.l.) Lisa Stender, Mirima Jendges, Lehrer Jürgen Tenbrock, Tamara Büschgens, Kai Blankertz, Ben Mertens, Lisa Lehmann, Claudia Holländer und David Koj. (RP-Foto: Jürgen Laaser)

Die acht Schüler des Maximilian-Kolbe-Gymnasiums sind zu diesem Fazit gekommen: Das Thema ist über sieben Jahrzehnte in den Hintergrund gedrängt worden, eine Aufarbeitung unbedingt notwendig. Ihre Arbeit hatte sie zuvor ins Wegberger Stadtarchiv, zum Historischen Verein, ins Landesarchiv Düsseldorf und zum Bundesarchiv Koblenz geführt. Herausgekommen ist ein beeindruckendes, vor allem aber auch erschreckendes Zeugnis Wegberger Geschichte, das am 6. Juli erscheinen wird.

"Es gibt nur wenige Veröffentlichungen über den Nationalsozialismus in Wegberg"

"Braunes Wegberg? So etwas gibt es bei uns nicht" lautet der Arbeitstitel des Buches, das acht Schüler des Projektkurses im Fach Geschichte nun vollendet haben. Lehrer Jürgen Tenbrock hat die Schüler durch das Projekt geleitet.

Wie massiv die Stadt Wegberg von den Nationalsozialisten beherrscht wurde, zeigen die Schüler (Jahrgangsstufen 11 und 12) in ihrem Buch auf. "Wegberg ist unsere Heimat. 70 Jahre hat sich niemand für diesen Teil der Geschichte der Stadt interessiert", findet Tamara Büschgens. Jürgen Tenbrock fügt hinzu: "Es gibt nur sehr wenige Veröffentlichungen über den Nationalsozialismus in Wegberg."

Erste antidemokratische Bewegungen habe es schon um 1931 in Wegberg gegeben. Die Wahlergebnisse der NSDAP schnellten mehr und mehr in die Höhe, irgendwann wurden erste Ortsgruppen gegründet. Vornehmlich in gut gebildeten Kreisen, also in der vermeintlichen Elite, so die Schüler, suchte sich der braune Dunst offensichtlich seine Mitstreiter - und fand sie. Erster Ortsgruppenleiter in Wegberg sei ein Mediziner gewesen. Viele nationalsozialistische Strömungen hätten sich aus Erkelenz auch nach Wegberg verbreitet, zu den NS-Hauptakteuren habe der in Erkelenz lebende Kreisleiter gehört, der viel Druck auf die Ortsgruppen ausübte. Etwa 700 Wegberger Bürger, so macht die Schülerarbeit weiter deutlich, schlossen sich den Nationalsozialisten an (auch der SS und der SA) und bekannten sich zu ihren schrecklichen Idealen. Nahezu der gesamte öffentliche Dienst sei braun geprägt gewesen. Während einige Dörfer gleichsam Nazihochburgen gewesen seien, haben die Schüler bei ihren Recherchen in Klinkum eine Art "Widerstandsnest" entdeckt. Nicht zuletzt Pfarrer Gottfried Plaum sei dafür verantwortlich gewesen. Er predigte mutig gegen die Nazis.

Das große Problem, das die Schüler sehen: Wegberg habe diese schlimme Phase der Geschichte nicht genug aufgearbeitet. "Das liegt wohl auch nicht zuletzt daran, dass eine Entnazifizierung nie stattgefunden hat. Die, die mitgemacht haben, erfuhren statt dessen nach 1945 eine Art Reintegrationsprogramm", ist sich Jürgen Tenbrock nach den Recherchen sicher.

Der Pädagoge lobt Erkelenz, das sich seiner Auffassung nach intensiv mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beschäftigt habe. Dabei nennt er unter anderem die Stolpersteine als Beispiel. Ähnliches wünschen sich seine Schüler auch in Wegberg.

Zeit ungenutzt verstrichen

Thematisch ist das Buch in sechs Bereiche gegliedert, dabei haben die Schüler allein und in Gruppen gearbeitet. Die Anfänge, die Hitler-Jugend, Kirche, Juden, Euthanasie und Zwangsarbeit kennzeichnen das Buch, das Täter, Opfer und Mitläufer nennt.

Die Nationalsozialisten schienen keine Probleme gehabt zu haben, in Wegberg Mitstreiter zu finden. Demokratisch gewählte Bürgermeister wie Reuber wurden kurzerhand abgesetzt. Die Parteimitgliedschaft in der NSDAP sorgte für Karriereschwung.

Kirche und Nationalsozialismus - das passte nicht zusammen, weshalb der Religionsunterricht kurzerhand verboten und Predigten der Pfarrer abgehört wurden. Zu den großen Widerstandskämpfern zählte der Klinkumer Pfarrer Gottfried Plaum und die Familie Eickels, die Mitglied der Zentrumspartei waren. Diese Familie stellte Räume  für den verbotenen Religionsunterricht zur Verfügung. Eine verfolgte jüdische Familie war die Familie Salm.

Herausgefunden haben die Schüler zudem, dass auf dem Dalheimer Friedhof Ermordungen stattgefunden haben. "Aber an dieser Stelle gibt es keinen Gedenkstein", kritisieren die Schüler und fordern einen Findling für die Stelle. Ebenso sind sie traurig über die Tatsache, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das Thema Nazis, so schnell es ging, aus den Köpfen der Wegberger verbannt worden sei. Für die Schüler eine wertvolle Zeit, die ungenutzt verstrich. Angetan waren sie vor allem von Interviews mit Wegberger Zeitzeugen.

An dem Buch gearbeitet haben neben Lehrer Jürgen Tenbrock Tamara Büschgens, Miriam Jentgens, Lisa Lehmann, Claudia Holländer, Lisa Stender, David Koj, Ben Mertens und Kai Blankertz.

Sponsoren gesucht

Am 6. Juli wollen die Schüler ihr Werk veröffentlichen. Es erscheint in einer Auflage von zunächst 200 Stück. Zwischen 4.000 und 8.000 Euro - so hoch sind die Kosten für die Produktion des Buches. Darum suchen die Schüler Sponsoren, die ihre Arbeit unterstützen. Landrat Stephan Pusch über die Bildungsoffensive und die Kreissparkasse sind schon mit dabei. Interessenten können sich im Sekretariat melden, Tel. 02434-979100.

Von Anke Backhaus
Rheinische Post, 24.05.2012 (Seite C3)