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[ Berichte > Berichte für das Jahr 2012 > Bericht vom 24.11.2012 ]

Wenn Schülern die Worte fehlen -
Studienfahrt nach Krakau und Auschwitz

Stellvertretend für die gesamte Schüler- und Lehrerschaft des Wegberger Maximilian-Kolbe-Gymnasiums traten in den diesjährigen Herbstferien 46 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11-13 in Begleitung von sechs engagierten Lehrkräften eine fünftägige Studienfahrt nach Krakau und Auschwitz an - ganz im Zeichen des Namensgebers ihrer Schule. Zu einem Großteil wurde die kostspielige Reise von der Stiftung "Erinnern ermöglichen" finanziert, die das Ziel hat, jedem Schüler und jeder Schülerin des Landes Nordrhein-Westfalen einen Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu ermöglichen.

Die Reisegruppe des MKG Wegberg in Krakau.

Im Mittelpunkt der Exkursion standen neben mehreren Stadtführungen durch die geschichtsträchtige Altstadt sowie durch das jüdische Viertel Krakaus, die Besichtigungen der Konzentrationslager Auschwitz I und Auschwitz II Birkenau. Im ehemaligen Stammlager Auschwitz I besichtigte die Gruppe das Verwaltungszentrum und die Unterkünfte ehemaliger politischer Staatsgefangener und Zwangsarbeiter.

Eindrucksvolle Bilder und Ausstellungen von persönlichen Wertgegenständen, Kleidung und Haaren deportierter Juden und politischer Gegner ließen den Schülern und Lehrern bewusst werden, dass die Nationalsozialisten besonders jüdischen Mitbürgern keinerlei Wertschätzung entgegen brachten und selbst aus deren Vernichtung den größtmöglichen Nutzen zogen. Beispielsweise wurden aus den Haaren, die den Frauen bei Ankunft im Konzentrationslager abgeschnitten worden waren, Stoffe hergestellt, die zu Teppichen oder Kleidung weiterverarbeitet wurden.

Von besonderer Bedeutung war für die Reisegruppe die Betrachtung des Hungerbunkers, in den Maximilian Kolbe, polnischer Priester und Märtyrer, der im Februar 1941 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden war, sich im Juli des gleichen Jahres anstelle eines Familienvaters hatte einsperren lassen. Maximilian Kolbe, der sich vierzehn Tage lang am Leben hatte halten können, weil er Hoffnung und Kraft aus Gebeten und Gesang schöpfte, war letztendlich durch eine Giftspritze getötet worden. Im Gedenken an den Mann, der sein eigenes Leben opferte, um das einer ganzen Familie zu schützen, legten die Wegberger Gymnasiasten an der Todesmauer einen Blumenstrauß nieder.

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen des Konzentrationslagers Auschwitz II Birkenau, welches die interessierten Schüler nach einem Gespräch mit dem 88-jährigen Zeitzeugen Tadeusz Smreczynski besichtigten. "Ich hatte noch nie in meinem Leben vor einem Menschen so viel Respekt wie vor diesem Mann", sagt Lisa Stender, Schülerin der Jahrgangsstufe 13.

SchülerInnen des MKG Wegberg im Gespräch mit dem Zeitzeugen Tadeusz Smreczynski.

Der polnische Herr, der mit 18 Jahren selbst 43 Tage lang Häftling im Konzentrationslager Auschwitz Birkenau und danach längere Zeit im KZ Mauthausen inhaftiert gewesen war und der seit etwa 60 Jahren kein Deutsch mehr gesprochen hatte, formulierte seinen gesamten Vortrag auf Deutsch und vermittelte mit den Schilderungen einiger sehr persönlicher Erfahrungen ein klares Bild davon, wie das Leben ehemaliger Gefangener im KZ, aber auch in der Zeit danach ausgesehen haben muss.

Anschließend stellte sich der freundliche Herr den aufmerksamen und erwartungsvollen Schülerfragen und es herrschte vollkommene Stille im Raum, als er gefragt wurde, ob er Deutsche nach allem, was er erlebt hat, nicht hassen müsste. "Nein", antwortet er. "Ich verspüre keinen Hass gegenüber den Deutschen. Das was passiert ist, war keine Frage der Nationalität. Es war und ist heute immer noch eine Frage der Werte, die die Menschen besitzen." Die Schüler schätzten sich glücklich, die Möglichkeit einer so persönlichen und ergreifenden Stellungnahme bekommen zu haben.

Im Anschluss an dieses Gespräch trat die Gruppe den ergreifendsten Programmpunkt der Reise an - die Besichtigung des Konzentrationslagers Auschwitz II Birkenau. Sowohl Nachbauten als auch im Originalzustand erhaltene Schlaf- und Waschbaracken sowie unzählige Schornsteine und Hochspannungszäune erinnerten an die unmenschlichen und für die Schüler unbegreiflichen Zustände in den Konzentrationslagern zu Zeiten des Nationalsozialismus.

"Mir fehlen die Worte", sagte Katharina Decker, Schülerin der Jahrgangsstufe 12, mit Blick auf die Fotos abgemagerter kleiner Kinder, die in der ehemaligen "Zentralsauna", der sogenannten Selektions- und Desinfektionsanlage, ausgestellt waren. Mit Erschrecken mussten die Jugendlichen feststellen, mit welch primitiven Versprechungen die Häftlinge damals dazu gebracht worden waren, sich den Anweisungen der SS-Leute willenlos zu fügen - in der Annahme, dass man nur das Beste mit ihnen vorhatte.

Unzählige Gedenktafeln vor den Ruinen ehemaliger Krematorien, Gaskammern und Tümpeln, in denen die Asche verbrannter Leichen "entsorgt" worden war, erinnerten an die ca. 1,5 Millionen Menschen, die allein in Auschwitz der antisemitischen Rassenideologie zum Opfer gefallen waren.

Überwältigt von der Größe des durchdachten und durchkontrollierten Systems machten sich die Schüler und Lehrer schließlich auf den Rückweg nach Krakau und es herrschte eine gedrückte Stille im Bus. Und doch, so waren sich die Schüler einig, ist ein solches Erlebnis die Bürde der Nationalität der Deutschen, die ein jeder in seinem Leben einmal auf sich nehmen sollte.

"Wir sollen das sehen, damit wir wissen, was nie wieder passieren darf. Irgendwann werde ich mit meinen Kindern die gleiche Reise machen, auch wenn es so unbegreiflich und traurig ist", so Malte Becher, Schüler des Gymnasiums. Wichtig war es auch, dass man in der Gruppe gemeinsam über das Erlebte sprechen konnte. So wurde der Mittwochabend gemeinsam verbracht.

Nach der Besichtigung der Schindler-Fabrik am Donnerstag, in der Oskar Schindler, Sudetendeutscher und Mitglied der NSDAP, jüdische Zwangsarbeiter beschäftigte, um diese vor dem Tod zu retten, ließ ein Teil der Gruppe bei köstlichem koscheren Essen und einem Klezmer-Konzert im jüdischen Viertel Krakaus, Kazimierz, die Reise fröhlich ausklingen, bevor es am nächsten Vormittag auf die 16-stündige Heimreise nach Wegberg ging.

Alles in allem kam also auch der Spaß nicht zu kurz, denn schließlich hatten sich alle Beteiligten ihre Herbstferien wohl verdient!

Von Anneke Klomp (Jgst. 13)